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Eruption und kein Ende, Anmerkungen zur zeitgenössischen Literatur in Rumänien, von Carmen Muşat
Der Anfang der 1990er Jahre setzte in der rumänischen Literatur eine deutliche Zäsur. Nur wenige der vor dem Niedergang des kommunistischen Regimes berühmten Schriftsteller bestanden die Prüfung des freien Schreibens. Sie alle beherrschten das Stilmittel des „Schreibens zwischen den Zeilen“, das ihnen erlaubte, sich durch Anspielung und Parabel auf die soziale und politische Realität zu beziehen. Das ist auch der Grund, warum heute viele der vor 1990 geschriebenen Romane und Dramen nur schwer verstanden werden können – ihr Kontext existiert nicht mehr. Manchen Schriftstellern allerdings ist der Wandel gelungen. Sie publizieren erfolgreich und ziehen weiterhin die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich: Gabriela Adamesteanu, Norman Manea, Radu Cosasu, Mircea Horia Simionescu, Radu Petrescu und Costache Olareanu sowie einige der Schriftsteller, die in den 80er Jahren debütierten, wie Mircea Nedelciu, Gheorghe Craciun, Mircea Cartarescu, Cristian Teodorescu, Petru Cimpoesu oder Petre Barbu.
Die rumänische Gesellschaft verlangte zu Beginn der 90er Jahre neue Ausdrucksformen und lehnte die Fiktion ab, vor allem die früher so hoch geschätzte politische Anspielung. Sie verspürte zwar ein starkes Bedürfnis, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, allerdings im direkten und authentischen Diskurs. Verleger stürzten sich einerseits auf die früher verbotenen Werke und Autoren, interessierten sich andererseits auch für allerhand autobiographische Texte wie Tagebücher oder umfangreiche Memoiren von Autoren, deren Schicksal in dramatischer Weise mit den geschichtlichen Ereignissen verknüpft war (manche waren bekannte Schriftsteller und Politiker, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg geweigert hatten, mit dem kommunistischen Regime zusammenzuarbeiten und deswegen emigrieren mussten oder verhaftet wurden). Viele dieser Bücher hatten dokumentarischen Wert und halfen, die Atmosphäre des Terrors in der an Gefängnis erinnernden politischen Realität zu rekonstruieren. Diese Texte wurden zu einer literarischen Schule sui generis für die Schriftsteller der 90er Jahre.
Schon zum Anfang der 80er Jahre begann eine Gruppe von jungen Schriftstellern eine heiße Debatte über die politische und soziale Realität im Lande. Sie weigerten sich, das Elend der kommunistischen Wirklichkeit in Parabeln zu verkleiden und stellten sich in die Tradition ihrer erklärten Vorbilder, der Schriftsteller der Gruppe Targoviste (Mircea Horia Simionescu, Radu Petrescu, Costache Olareanu, Tudor Topa) und des Schriftstellers und Dramaturgen des 19. Jahrhunderts Ion Luca Caragiale. Sie zeigten die rumänische Wirklichkeit in einem subjektiven Spiegel, indem sie sie durch alle ihre Poren aufnahmen, in einem überzeugenden Abbild zusammenfügten und dem Leser darauf einen tiefen Blick gewährten. Dem Bild, das aus ihren Romanen und Erzählungen hervortrat, mischten sie oft Ironie bei, gleichzeitig war es aber bitter ernst. Obwohl isoliert innerhalb des osteuropäischen Blocks entdeckten die jungen Schriftsteller auf ihre Weise neue literarische Formen, so dass ich hier von einer postmodernen Generation sprechen möchte, auch wenn es keine Postmoderne gab. Autoren wie Gheorghe Craciun, Mircea Cartarescu, Mircea Nedelciu, Stefan Agopian, Bedros Horansangian, Adriana Bittel, Ioan Grosan, Ioan Lacusta, Stelian Tanase, Cristian Teodorescu, Razvan Petrescu, Petru Cimpoesu, Petre Barbu publizierten auf diese Weise einige ihrer wichtigsten Bücher noch vor 1989, obwohl sie ihren ästhetischen Kanon erst in den vergangenen 17 Jahren festigten. Ich sage nicht, dass es unter diesen Autoren keine Verschiedenheiten gab. Manche Unterschiede waren von Anfang an sichtbar, andere wurden erst in den letzten Jahren offensichtlich. Zwei prominente Schriftsteller aus dieser Gruppe sind in der Zwischenzeit gestorben (Mircea Nedelciu und Gheorghe Craciun). Sie hinterließen einige wichtige Werke, die zum Teil auch ins Französische übersetzt sind, wie beispielsweise Craciun’s Composition aux paralleles inegales, (Edition Maurice Nadeau, 2001). Die anderen sind weiter aktiv und schreiben vielversprechende Texte.
Eine neue Generation von Prosaisten erschien in der Kulturszene Rumäniens erst Anfang dieses Jahrzehnts. Davor gab es einige neue Namen, allerdings erschienen ihre Werke in kleinen Verlagen ohne jegliche Werbung und Außenwirkung. Aber nach 2003 wurden manche dieser Texte erneut zusammen mit vielen neuen Romanen unbekannter Autoren im Polirom Verlag, der zu den wichtigsten in Rumänien gehört, publiziert. Das war der Auftakt dessen, was manche Kritiker „das Polirom-Phänomen“ nennen: beachtlich viele neue Schriftsteller, die meisten von ihnen sehr jung, deren Bücher, dank einer auffälligen und intelligenten Werbung, eine große Resonanz fanden. Polirom startete zwei wichtige Editionen: „Ego. Prosa“ für Debütanten und „Fiktion GmbH“ vor allem für Wiedererscheinungen. Zu den innovativsten und geschicktesten Prosaisten, die dort entdeckt oder unterstützt wurden, gehören Filip Florian, Florin Lazarescu, Dan Lungu, Lucian Dan Teodorovici, Simona Popescu, Anamaria Sandu, Razvan Radulescu, Florina Ilis, Ion Manolescu, Petre Barbu, und die Liste könnte verlängert werden. Der großartige Erfolg macht deutlich, dass es sinnvoll ist, in Werbung zu investieren. Offensichtlich existiert ein breites und junges Publikum, das sich für Literatur interessiert. Die richtige Frage lautet also nicht, ob Bücher gelesen werden, sondern welche Art Literatur die Leser erwarten.
Realismus und danach
Für das Verständnis der zeitgenössischen rumänischen Literatur ist der kulturelle und politische Kontext wichtig. Vor dem Jahr 1989 übte er einen enormen Druck auf die Kunst und Kultur aus und erschwerte die Aufgabe der Schriftsteller. Trotz der extremen Zensur entstanden in dieser Zeit wichtige literarische Werke, wie Gabriela Adamesteanu’s „Verlorener Morgen“ (in französischer Übersetzung erschienen in 2005 bei Gallimard), Werke der so genannten Targoviste School (Mircea Horia Simionescu, Radu Petrescu, Costache Olareanu, Tudor Topa u. a.), Radu Cosasu’s „Überleben”, Norman Manea’s „Schwarzer Briefumschlag” und „Oktober, acht Uhr“, einige Romane und Erzählungen der damals jungen Gruppe „80er Generation” und einige andere, wie Constantin Toiu’s „Galerie des wilden Weins“ oder George Balaita’s „Die Welt in zwei Tagen“ und „Schlechte Körper“ von Sonia Larian. Diese Schriftsteller konnten allerdings nicht offen und direkt über die kommunistische Realität schreiben. Der Realismus galt damals als staatsfeindlich. Aus diesem Grund ließen große Romane über die kommunistische Zeit auch direkt nach 1990 weiter auf sich warten.
Zeitgenössische rumänische Literatur steht vor einem unlösbaren Problem: Ihr Realismus wendet sich der Vergangenheit zu, der Art und Weise, wie die Geschichte menschliche Schicksale zerrüttete. Beispiele dafür sind Romane wie „Die russische Puppe“ (2004) von Gheorghe Craciun, dem vielleicht ausdrucksvollsten Text über das tägliche Inferno von Menschen, die zur immerwährenden Gefangenschaft und Manipulation verurteilt waren. Petre Barbu’s Roman „Sorglosigkeit“ (2004) wagt sich an das Thema der tiefen Wirkung, die der Mangel an Freiheit auf die menschliche Mentalität und das Verhalten auch noch Jahre nach dem Zusammenbruch des Regimes hat, während Matei und Filip Florian in ihrem „Die Jungs aus Baiut“ (2006) eine typische Kindheit während des Kommunismus aus der kindlichen Perspektive beschreiben, indem sie auf eine atemberaubende Art Naivität und Ideologie vereinen. Gabriela Adamesteanu’s „Begegnung“, publiziert 2003, erzählt die Geschichte eines alten Exilanten, der nach über 20 Jahren nach Rumänien zurückkehrt. Das Buch ist das Bekenntnis einer verlorenen Identität und es zeigt die Unmöglichkeit, unsere Vergangenheit zurückzugewinnen oder unsere alten Bindungen wiederzubeleben. Mit denselben Aspekten von Abwesenheit, Gedächtnis und Vergessen beschäftigt sich auch Milan Kundera in seiner „Ignoranz“. „Schleudern“, Ion Manolescu’s neuester Roman, ist ein typisches postmodernes Werk an der Grenze zwischen Realismus und Fantasie, das seinen Leser irreführt, mit einem heterogenen, ironischen Erzähler, der zwischen verschiedenen Zeiten und Identitäten springt. Eine Autorin, die als eine Entdeckung gilt, ist Florina Ilis. Ihre Romane „Kinderkreuzzug“ und „Fünf farbige Wolken auf dem östlichen Himmel“, erschienen in den letzten zwei Jahren, gewannen Anerkennung der Kritik und der Leser gleichermaßen. Der „Kinderkreuzzug“ widmet sich dem Thema der gewaltsamen Veränderungen, während sich „Fünf farbige Wolken auf dem östlichen Himmel“ mit der Macht der Imagination beschäftigt, die das menschliche Schicksal beeinflussen kann. Florina Ilis ist eine begabte Erzählerin, die ihre fiktiven Welten sehr sicher kreiert und beherrscht.
Werke von Norman Manea’s and Radu Cosasu’s brechen thematisch mit der langjährigen Tradition der rumänischen Prosa in zweierlei Hinsicht: ethnisch und politisch. „Die Rückkehr des Hooligan“ [auf Deutsch erschienen im Carl Hanser Verlag, München] und „Überleben“ thematisieren Selbstverletzung und die Abhängigkeit des Einzelnen von der Gruppe in einer Welt, in der die menschlichen Schicksale der Beliebigkeit der historischen Ereignisse ausgeliefert sind. Es gibt darüber hinaus sozialorientierte Literatur, die aus dem postmodernistisch abgefärbten realistischen Diskurs entstanden ist: Dan Lungu mit seinem „Hühnerparadies” oder „Ich bin eine kommunistische alte Hexe“, Lucian Dan Teodorovici, Florin Lazarescu, Cosmin Manolache und vor allem Sorin Stoica (verstorben im vergangenen Jahr mit 27 Jahren), deren Texte ein genaues Abbild der alltäglichen Sprache und Aktivitäten gewöhnlicher Menschen sind.
Ein anderer Trend in der zeitgenössischen rumänischen Literatur ist Fantasy. Die hiesigen Schriftsteller scheinen fasziniert von der verlockernden Kraft, die von der Fantasy ausgeht, wobei sie ihr eine bedeutungsvolle soziale Dimension verleihen. Romane wie „Kleine Teodosie“ von Razvan Radulescu, „Kleine Finger” von Filip Florian (das 2008 in den USA erscheinen soll) oder „Christina Domestica und die Seelenjäger” von Petru Cimpoesu beschreiben eine Welt, in der weder die Konventionen noch die Sprache der Realität gelten. Allerdings wären sie isoliert von der realen Welt unverständlich – dieser Bezug ist für einen Prosaautor der Weg, der ihn zu einer universalen Dimension der sozialen und politischen Realität und der sich in ihr abspielenden Schicksale führen kann. Diese Bücher scheinen eine Abwandlung der heutigen sozialen Bedingungen zu sein, die zunehmend hybrid und verwirrt ist. Sie parodieren große Erzählungen, sind komplex und appellieren an das historische Gewissen der Leser.
Zum Schluss kann ich der Verlockung nicht entgehen, die Präferenz vieler junger Autoren für eine sehr persönliche und intime Erzählweise zu erwähnen, die sich auf die französische autofiction bezieht. Serge Doubrovsky hat diesen Begriff als Erster benutzt, um die sehr besondere Art der Erzählung zu kennzeichnen, die man auch „die Fiktion über sich selbst“ nennen könnte: Sie vermischt Imagination und Realität und fokussiert auf das eigene Leben und die Gedanken des Autors selbst. Ionut Chiva, Adrian Schiop, Dragos Bucurenci, Adrian Buz, Ioana Baetica sind nur einige wenige dieser jungen Schriftsteller.
Lyrik, die Brücke zwischen uns und mir
Wenn man die große Anzahl der Gedichtbände betrachtet, die einige der wichtigsten Verlage ausgeben, muss man eine große Beliebtheit der Poesie bei den heutigen Lesern feststellen. Schon vor dem Fall des Kommunismus waren Autoren wie Nichita Stănescu, Ana Blandiana, Marin Sorescu oder Mircea Dinescu sehr populär und von einer speziellen Aura umgeben. Auf Grund dieser Aura lehnten Ana Blandiana und Mircea Dinescu öffentlich das Regime ab. In der letzten Dekade des Kommunismus und in den 90er Jahren kamen viele neue Namen dazu. Die so genannte „postmodernistische Generation der 80er Jahre“ – sehr aktiv auch in der Prosa, Literaturkritik und Literaturtheorie – war zutiefst beeinflusst von der amerikanischen Poesie. Viele der Dichter, die in der Zeit kurz vor 1989 debütierten, haben die Erwartungen der Kritiker und Leser auch nach 1990 erfüllt.
Es gibt zwei wichtige Strömungen in der zeitgenössischen Poesie in Rumänien, die beide ihren Ursprung im Postmodernismus haben. Eine nutzt die Ironie, Parodie und tendiert zur Erzählung (die Autoren dieser Richtung sind: Mircea Ivănescu, Mircea Cărtărescu, Florin Iaru), die andere schaut nach innen, auf das Ich und seine Wandlungen. Anders gesagt: Es gibt eine nach außen gerichtete Poesie, die sich direkt mit der grotesken und enttäuschenden Realität befasst (Alexandru Muşina, Cristian Popescu, Andrei Bodiu, Robert Şerban, Mihail Gălăţanu), und eine ichbezogene, die zwar diese Realität nicht ignoriert, die allerdings auf die Parodie als Stilmittel verzichtet (hier möchte ich Mariana Marin, Marta Petreu, Ion Mureşan, Ioan Moldovan, Ion Stratan, Ioana Ieronim, Nora Iuga, Simona Popescu, Iustin Panţa, Ioan Es. Pop, Liviu Ioan Stoiciu, Angela Marinescu, Ioana Nicolaie, Doina Ioanid erwähnen). Gedichte von Mariana Marin und Simona Popescu haben eine bedeutungsvolle zusätzliche Dimension, indem sie sich gegen die Repressionen des totalitären Regimes stellten, welche die persönliche Identität und den poetischen Ausdruck verstümmelten. Sie alle erzählen in ihren Gedichten Geschichten, was ja ein Resultat des narrativen Elements solcher Poesie ist, jedoch hat jeder von ihnen eine eigene, unverwechselbare Stimme.
Und dann gibt es die „Büchernarren“, die intertextuell mit der Sprache spielen: Şerban Foarţă, Emil Brumaru, Octavian Soviany. Sie benutzen Texte anderer, erfinden neue Wörter und fordern kreativ die Sprache heraus. Gellu Naum, einer der letzten europäischen Surrealisten, ist erst vor wenigen Jahren, 2001, gestorben und hinterließ einige Schüler (wie Dan Stanciu, Iulian Tănase). Erwähnen muss man noch die jüngste Generation der Lyriker, die um die Jahrtausendwende auf der literarischen Bühne erschien, die vehement mit jeglicher lyrischer Tradition bricht und eine Wiedergeburt der Poesie proklamiert. Dazu gehören u. a. Marius Ianuş, Claudiu Komartin, Razvan Ţupa, Ruxandra Novac, Elena Vlădăreanu, Andra Rotaru.
Aus dem Vollen schöpfen: kulturelle Presse
Wir neigen heute dazu, uns über das nachlassende Interesse des Publikums an der Kultur zu beklagen. Trotzdem nimmt die kulturelle Kritik in Rumänien einen wichtigen Platz, da fast jede wichtige Zeitung mindestens eine Kulturseite hat. Manche geben einmal in der Woche ein kulturelles Supplement aus: Cotidianul, ein sehr lebendiges, auf Themen der Medien und der Kultur fokussiertes Blatt, oder Adevarul, das sich auf die Wechselbeziehung der Religion, Kunst und Humanwissenschaften konzentriert.
Die rumänischen Kulturzeitschriften sind sehr verschieden. Romania literara (mit Nicolae Manolescu als Herausgeber) ist die älteste und hat ein literarisches Profil und ein zeitloses Erscheinungsbild. Dilema veche ist ein sehr dynamisches, facettenreiches Magazin mit vielen kurzen Artikeln, das sich mit politischen, sozialen, kulturellen und mit Bildung betreffenden Themen befasst. Dilema veche wurde von Andrei Pleşu gegründet und zählt einige der bekanntesten Intellektuellen des Landes zu ihren Autoren (Chefredakteur ist Mircea Vasilescu) und wurde zum Forum für einige der interessantesten kulturellen Debatten der letzten zehn Jahre (wie beispielsweise „Intellektuelle und die Tatenlosigkeit“ oder „Warum die rumänischen Intellektuellen streiten?“). Seit dem letzten Jahr gibt dieselbe Redaktion zusätzlich das monatlich erscheinende Periodikum Dilemateca heraus, nach dem Vorbild des französischen Literaturmagazins Lire. Dilemateca publiziert literarische Kritiken und kommentiert die gesamte Verlagsproduktion des Landes.
Ein etwas anderes Profil hat Revista 22, ein Organ der Gruppe des Sozialen Dialogs, einer seit 1990 existierenden unabhängigen Organisation (der Titel spielt auf den 22.Dezember 1989 an, als Ceauşescu aus Bukarest floh). Es ist ein vor allem politisches und soziales Magazin mit vielen Kommentaren und Interviews, aber auch mit Feuilletons und theoretischen Synthesen über Politik. Es bildete lange Zeit eine Plattform für die Opposition zu der sozialdemokratischen Regierung. (Nach dem Abgang von Gabriela Adameşteanu, die seit zwei Jahren ein kulturelles Supplement Bucurestiul cultural ausgibt, hat Rodica Palade die Verantwortung für Revista 22 übernommen.)
Eine neue Publikation ist Idei in dialog (unter der Leitung von Horia Roman Patapievici). Sie hat die Struktur und das Erscheinungsbild des The New York Review of Books. Essays über Politik, Anthropologie, Geschichte, klassische Literatur und Übersetzungen stellen den Kern der dort gedruckten Artikel dar. Dazu kommt noch eine Rubrik über die wichtigsten Ereignisse der Kulturszene, nationale wie internationale, die von Dan C. Mihăilescu geschrieben wird, einem der bekanntesten Literaturkritiker in Rumänien, populär durch seine kurze TV-Show „Der Mann, der die Bücher bringt”.
Und zum Schluss möchte ich noch die von mir herausgegebene Wochenzeitschrift Observator cultural nennen. Seit Februar 2000 beschäftigen wir uns mit Informationen und Analysen zu verschiedenen kulturellen Themen. Observator cultural öffnet ihre Spalten auch für ausländische Autoren, wie Michel Crépu, Luiza Palanciuc (Frankreich/Israel), Jean Harris (USA), Richard Wagner (Deutschland), Alexandru Hancu (Großbritannien), Emilia David Drogoreanu, Monica Joita (Italien). Mit ihrer sehr flexiblen Struktur kommentiert Observator cultural einerseits die interessantesten Bücher, Theaterstücke, Kunstausstellungen, Filme und Konzerte, andererseits beschäftigt sie sich auch mit Politik, Bildung, urbaner Gestaltung und Architektur. Ihr Ziel ist, eine Diskussion über rumänische Kultur zu führen und sie in den Kontext des europäischen und nordamerikanischen Kulturlebens zu stellen. Dabei berichtet Observator cultural über die kulturellen Ereignisse im Ausland zeitnah, indem die herausragenden Persönlichkeiten der Literatur, Kunst, Politik und der Medien interviewt werden.
Zusätzlich erscheinen auch viele kulturelle Zeitschriften außerhalb der Hauptstadt: in Cluj (Apostroph, Echinox, Steaua), in Iasi (Timpul, Convorbiri literare), in Targu Mures (Vatra), in Sibiu (Euphorion) und in Craiova (Mozaicul). Die meisten von ihnen können sich auf eine lange Tradition berufen, auch wenn nur wenige von ihnen landesweit vertrieben werden.
Kulturelle Institutionen und die Rolle der Intellektuellen
Kulturelle Rezensionen und die Literaturkritik im Besonderen sind also im kulturellen Leben sehr präsent. Und obwohl die Literaturkritik heute ohne der Aura und Autorität, die sie während des kommunistischen Regimes hatte, auskommen muss, ist ihre Rolle immer noch wichtig. Paul Cernat, Luminiţa Marcu, Marius Chivu, Simona Sora, Bianca Burţa, Florina Pîrjol, Daniel Cristea Enache, Andrei Terian, Bogdan Creţu und die Verfasserin dieses Artikels sind die heute am meisten sichtbaren Kritiker. Viele von ihnen unterrichten gleichzeitig auf Universitäten, was den Austausch zwischen der kulturellen Presse und der akademischen Welt fördert und für Kontinuität in den kulturellen Debatten sorgt.
Obwohl sich die rumänische Kultur sehr dynamisch und modern präsentiert, fehlen ihr noch die Instrumente, die für das Verständnis ihrer Evolution und ihres Profils notwendig wären, wie Lexika und Anthologien. Aus diesem Grund haben die heutigen Universitätslehrer eine doppelte Aufgabe. Neben der Lehre beschäftigen sie sich mit der Aufgabe, die bibliographischen Lücken zu schließen. Parallel dazu bauen sie die neuen kulturellen Institutionen des Landes auf. Auch viele der Schriftsteller und Kritiker der so genannten „postmodernen Generation der 80er Jahre“ waren nach 1990 in die Gestaltung neuer und die Umstrukturierung alter Institutionen involviert, darunter Universitäten, Verlage, Publikationen, kulturelle Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen. Die neue Generation der Intellektuellen, die nach 1990 in der Öffentlichkeit erschien, spielte neben den früheren Oppositionellen eine entscheidende Rolle nicht nur in der Kultur, sondern auch auf der politischen und sozialen Szene. Vieles musste neu aufgebaut werden in Rumänien: Demokratie ebenso wie unabhängige Kultur.
Interessanterweise bestätigten viele der Schriftsteller, die sich in dieser Bewegung engagierten, ihre Bedeutung nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für die Literatur. Die hoffnungslos unvollständige Liste dieser Schriftsteller enthält Namen wie: Gheorghe Crăciun, Andrei Pleşu, Gabriel Liiceanu, Mircea Martin, Mircea Nedelciu, Gabriela Adameşteanu, Caius Dobrescu, Călin Vlasie, Ion Bogdan Lefter, Horia Roman Patapievici, Adriana Babeţi, Cornel Ungureanu, Mircea Mihăieş, Corin Braga, Ştefan Borbely, Marta Petreu.
Abschließen möchte ich diese Bestandsaufnahme der heutigen Kulturszene in Rumänien mit der Feststellung, dass Merkmale wie Dynamik, Neugier und die Bereitschaft zum Dialog mit anderen Kulturen diese Szene am besten charakterisieren.
Aus dem Englischen übersetzt von A. Sternowski
Dr. Carmen Muşat ist Chefredakteurin von Observator cultural, einer rumänischen kulturellen Wochenzeitschrift und Mitglied des rumänischen PEN-Clubs. Sie publizierte zahlreiche Bücher: „Perspective asupra romanului romanesc postmodern si alte fictiuni teoretice“ (Points of View on the Postmodernist Romanian Novel and Other Theoretical Fictions, 1998); „Romanul romanesc interbelic“ (Romanian Novel between the two World Wars, 1998); „Strategiile subversiunii. Descriere si naratiune in proza postmodernista romaneasca“ (Strategies of subversion: Description and narrative in postmodern Romanian fiction, 2002); „Canonul si tarotul“ (The Canon and the Tarot, 2006). Außerdem unterrichtet sie Literaturtheorie an der Universität in Bukarest.
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