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Hier finden Sie Texte zum Film und zur Bühne.

Capote
Film, Regie: Bennet Miller, 2005
Es ist ein perfekter Film - genial gespielt, keine Szene, kein Wort ist überflüssig. Ich kam aus dem Kino beeindruckt und fragte mich gleichzeitig, was fehlte. Die Antwort war: man erfasst den Film mit dem Intellekt, aber nicht mit den Gefühlen. Der Zuschauer beobachtet den Schriftsteller - der mittels einer "Vivisektion" an einem Mörder zu seinem besten Roman findet und dabei zugrunde geht - aber er fühlt nicht mit. Genauso wenig empfindet der Zuschauer für den Mörder, der vorgezeichnet durch seine Kindheit einen brutalen Mord begeht und ebenso daran zugrunde geht, und zwar durch den Strang.
Und dann fragte ich mich, ob das ein Mangel dieses Films sei. Die klare Antwort lautet: im Gegenteil. Mitgefühl, emotionale Anteilnahme hätten nur unseren Blick auf diese Menschen getrübt, uns manipuliert. Der Blick bleibt scharf und klar wie in keinem anderen Film. Weil letztendlich zählt in Leben nur das, was wir tun oder unterlassen. Das ist Moral.
Unbedingt anschauen!
(A. S.)
Cursive II
Cloud Gate Dance Theatre Taiwan, Choreographie: Lin Hwai-min, 2003
Cursive II ist Teil einer Trilogie, in der sich Lin Hwai-min mit der chinesischen Kalligrafie auseinandersetzt. Und tatsächlich es ist zuerst ein malerisches Erlebnis. Lin Hwai-min verzichtet auf jegliche Bedeutung. Es gibt keine Spannung zwischen den Geschlechtern, also auch keine erotischen Konnotationen. Es gibt keine Sinngebung zu Schwarz und Weiß, also keine Assoziationen zu Gut und Böse. Er setzt die einzelnen Tänzer bildnerisch ein, wie Linien und Bewegung der Linien im Raum. Er benutzt Gruppen von Tänzern wie Flecken, die im Raum fließen. Die Anspielungen auf die Zeichen der chinesischen Sprache kann man als Europäer nicht lesen. Sie sind aber keine Voraussetzung für die Aufnahme dieses Werkes, weil seine Sprache rein abstrakt ist. Es sind Spannungen und Energien im Raum. Es ist einfach schön.
Leider keine Termine mehr in Europa in 2006. Erhältlich auf DVD. Info: www.cloudgate.org.tw
(A. S.)
Das Leben der Anderen
Film, Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, 2005
Der Film wirkt wie ein schwarz-weißer (Sie erinnern sich - als Film noch Kunst war…). Das liegt daran, dass er so gut das graue, ja, das farblose Äußere des real existierenden Sozialismus wiedergibt. In dieser Atmosphäre konzentriert man sich besser auf die Charaktere und auf das Drama. Die grausten Systeme verbergen die intensivsten Dramen.
Sehr konzentriert, mit schlichten Mitteln legt der Regisseur ebenfalls das Innenleben der Diktatur offen, wo man keine Brachialgewalt anwenden muss, um Menschen zu brechen – es reicht permanente Angst und Ausweglosigkeit. Moral kann unter solchen Bedingungen Menschen zerstören oder aufleuchten lassen. Viele der Entscheidungen, die wir in einer Demokratie ganz selbstverständlich treffen, können dort existenziell sein.
Florian Henckel von Donnersmarck zeigt das sehr eindringlich und auf den Punkt gebracht (der Film enthält beispielsweise die beste Schlussszene, an die ich mich erinnern kann).
Großes Kino.
(A. S.)
Marie Antoinette
Film, Regie: Sofia Coppola, 2006
Historische Filme präsentieren uns meistens die Personen der Geschichte so, wie diese sich selbst dargestellt haben. Sie entwickeln das Bild weiter, das wir schon anhand Geschichtsbücher, gemalter oder geschriebener Porträts und Sagen haben. Dieses Bild ist allerdings weitgehend ein Ergebnis der Selbstinszenierung und der Propaganda und zeigt die Protagonisten nur von einer Seite beleuchtet. Sofia Coppola geht einen anderen Weg. Sie nährt sich Marie Antoinette so, wie sie das mit einer anderen jungen Frau im 21. Jahrhundert in Tokio gemacht hat („Lost in Translation“): direkt und ungefiltert. Sie lässt sich nicht von Kostümen, höfischer Inszenierung oder Intensität der Ereignisse auf der weltgeschichtlichen Bühne ablenken. Ein sehr interessanter Blickwinkel und ein frischer Blick!
(A. S.)
Princesas Film, Regie: Fernando León de Aranoa, 2006
Es ist ein Film über die Einsamkeit. „Wir existieren nur, wenn jemand an uns denkt“, sagt eine der Protagonistinnen. Sie ist eine Prostituierte. Aber auch eine Ingenieurin oder ein Hochschullehrer wird die Erfahrung gemacht haben, dass es zwei Kategorien von zwischenmenschlichen Beziehungen gibt: Die eine basiert auf dem Nutzen, den sich Menschen von uns versprechen, die andere auf Liebe oder Freundschaft, oder Mitgefühl. Wenn du niemanden hast, der dich an seiner Innenwelt teilhaben lässt, gehst du ein.
De Aranoa arbeitet hier weitgehend im Still der Dokumentarfilme. Er ist aber kein Voyeur und kaum ein Moralist. Er zeigt Menschen so, wie wir sind: verletzlich, ringend mit der großen Welt. Es ist eine kleine Studie, aber sie ist ehrlich und deswegen sehenswert. Wie gut, dass es europäisches Kino gibt!
(A. S.)
Science of Sleep
Film, Regie: Michel Gondry, 2006
Es gibt zwei Arten von Filmen: die über die Liebe und die langweiligen. „Science of Sleep“ gehört zu der ersten.
Michel Gondry zeigt einen jungen Mann, der nicht weiß, wo sein Traum aufhört und die Wirklichkeit anfängt oder – anders gesagt – für den seine Träume zur Wirklichkeit gehören. Die Traum-Wirklichkeit ist handgemacht aus Plüsch, Holz und Pappe. In ihr kann er Menschen, vor allem seiner Geliebten, das sagen, was er in der Wachsein-Wirklichkeit zu sagen nicht wagt. Sie ist gleichzeitig ein bisschen intelligenter, kontrollierbarer, liebevoller und interessanter – das ist wohl jede Wirklichkeit, die sich von unserem Alltag unterscheidet. Der Junge vermischt Traum und Wirklichkeit, weil damit sein Leben etwas intelligenter, kontrollierbarer, liebevoller und interessanter wird.
Sie merken schon: dem Mann fehlt nichts, er ist sogar ziemlich schlau. Er ist nur verliebt. Sie erinnern sich doch, wie das so ist, wenn man verliebt ist? Nicht mehr so richtig? Dann schauen Sie sich unbedingt diesen Film.
(A. S.)